Der Geist will nach oben – für Magda – Ostfriesland im Juli 2026 -Teil IV einer Busreise in fünf Teilen

Teil IV: Emden und Aurich

Emden ist mit seinen ca. 49.000 Einwohnern die größte und einzige kreisfreie Stadt Ostfrieslands. Sie entstand als friesischer Handelsort um das Jahr 800. Von unserem Standorthotel brechen wir am Morgen auf, um mit einer Stadtführung die Stadt Emden kennenzulernen.

Mir jedoch ist das Ostfriesische Landesmuseum in Emden wichtiger, so verabschiede ich mich von der Reisegruppe, um ausführlich Zeit für die Museumsbesichtigung mit ihren vielen Abteilungen zu haben. Ich habe es nicht bereut, denn die Exponate sind einzigartig. Nachfolgend sind Texte der Schautafeln entnommen.

Das Ostfriesische Nationamuseum befindet sich im Historischen Rathaus am Delft (hier im Modell).
„Delft“ meint den historischen alten Binnenhafen und das Zentralbecken mitten in der Stadt.
Im Erdgeschoss nimmt mich gleich die Kartografische Abteilung in ihren Bann.
Hier eine geografische Spezialkarte vom Fürstentum Ostfriesland und dem Harlingerland. Eine kolorierte Radierung von 1808/09.
Ein Stockwerk höher die Faszination Moor.
Die Moorleiche „Mann von Bernuthsfeld“, vor mehr als 1200 Jahren im Moor beerdigt und 1907 beim Torfstechen entdeckt.
Sie steht im Zentrum jahrelanger Forschungen, die ein Zeitfenster in das Frühmittelalter öffnen.
Der Mann war in dieses Schultertuch gehüllt (140 cm x 92 cm). Es zeigt noch verschiedentlich die Webkante. Bald nach der Entdeckung ließ das Tuch noch mehr oder weniger parallel verlaufende Tragefalten erkennen. Demnach war es dicht um den Oberkörper gewickelt getragen worden.
Zum Zeitpunkt der Bergung waren vom Mann von Bernuthsfeld Knochen, Haare, Fuß- und Fingernägel sowie Reste des Gehirns erhalten. Bettler, Händler oder Fischer?
Seine Kleidung war bis auf seinen Mantel von schlechter Qualität. Er ernährte sich häufig von Süßwasserfischen und Fleisch, Getreidebrei aß er vermutlich nur selten. In den letzten Monaten seines Lebens muss ihm das Laufen große Schmerzen bereitet haben. Zusätzlich zu einem leichten Buckel, der durch eine Rückenverletzung entstanden war, litt er unter Arthrose.

Die christliche Religion verbreitete sich in Friesland im letzten Viertel des 8 Jh. Der Mann wurde jedoch nicht christlich bestattet, denn sein Grab war nach Norden ausgerichtet, während christliche Gräber zu dieser Zeit nach Osten hin ausgerichtet waren.
Mit etwa 50 Jahren war er für seine Zeit recht alt. Nach seinem Tod wurde er sorgfältig in einer Grube bestattet, die mit Moos ausgepolstert worden war. Besonders reich ist er nicht gewesen, denn Grabbeigaben hat es, außer seinen persönlichen Gegenständen, nicht gegeben.
Eine recht frühe Rekonstruktion des Mannes von Bernuthsfeld von 1913.
Die Figur gibt den Forschungsstand der Zeit um 1913 wieder: ein ca. 30 Jahre alter Mann in germanisch-römischer Kleidung am Ende des
2. Jh. n. Chr. Tief beeindruckt verlasse ich diesen Ausstellungsbereich.
Nun befinde ich mich bei Exponaten aus dem mittleren 9. Jahrhundert. Hier der Rest eines Eichenstammes. Er wurde 1990/91 bei Grabungen im Zuge des Wiederaufbaus der Großen Kirche Emdens gefunden. Das Fälldatum lässt sich auf das Jahr 966 datieren. Der Pfosten erinnert an den ältesten Teil der Stadt Emden und an die früheste Phase des Kirchenbaus in Ostfriesland,
in der Holz durchgängig als Baumaterial diente.
Ausstellungsebene „Handel und Hafen“: Emden, wie es 1650 bebaut war.
Der weitere Ausstellungsbereich widmet sich der Geschichte der Seefahrt und Seefischerei.
Modell der Heringsbüse „Harmonie“, 1820 bis 1840. Die Büse wurde vom 14. bis zum 19. Jh. eingesetzt.
Modell des Heringslogger, 1872/73. Ein Schiffstyp, der aus dem aus Frankreich stammenden Lougre entwickelt wurde.
Der Lougre wurde im 18. Jh. als kleines schnellsegelndes Depeschen-, Kanonen- oder Kaperfahrzeug eingesetzt.
Nächste Ausstellungsabteilung „Münz- und Silberkabinett“: Dokumententruhe, im 16. Jh. aus Eisen geschmiedet. Das komplizierte Schloss, das den ganzen Deckel ausfüllt, weist darauf hin, dass die Aufbewahrung wertvoller Sachen wie Geld oder Dokumente diente.
Noch ein Blick in die Emder Rüstkammer.
Unbeschreiblich viele Waffen wie Speere und Rüstungen sind für mich doch etwas zu kriegerisch. Schnell weg hier.
Auf diesen Waffenschreck muss ich an die frische Luft. Hoch hinaus. Von der Aussichtplattform, die den fünften Stock des Gebäudes überragt, habe ich einen tollen Blick über Emden 🙂Blick auf den Alten Binnenhafen.
Hier finden gerade Markttage und das Delft- und Hafenfest Emden statt.
Nach viel frischer Luft von oben, starte ich ein Stockwerk tiefer in die Neue Galerie des Hauses.
„Blick in Rats- und Falderndelft“, Emden; Öl auf Leinwand von Paul Emil Gabel, 1915.
Das Bildmotiv gleicht nahezu der Perspektive wie das vorherige Bild vom Aussichtstum aus. Vergleich mal 🙂
„Am Ratsdelft in Emden“, Carl F. Oesterley junior, 1911. Wiederum eine vertraute Perspektive.
Nach 3 Stunden Museumsbesuch bin ich erstmal durch. Nun folgt ein gemütlicher Spaziergang durch die Stadt zum Emder Stadtgraben.
Treffe meine Reisegruppe zur abgesprochenen Zeit am Busterminal. Es geht zurück nach Aurich.
Der Besuch des Ostfriesischen Landesmuseums in Emden war für mich ein Highlight von geschichtlich historischer Dimension 🙂
Die „Ostfriesische Landschaft“ in Aurich.
„Ostfriesische Landschaft“ meint keine Landschaftsform, sondern ist der Name einer vor etwa 500 Jahen aus Rittern, Bürgern und Bauern gegründeten Städteverwaltung. Dieses Gebäude heißt so und beherbergt heute ein modernes Kulturparlament sowie Fachabteilungen
für die Regionalsprache, Geschichte und Kunst.
Unser Stadtbummel durch Aurich führt uns nun am Landgericht Aurich vorbei, …
… wer hätte angenommen, dass es sich in einem so respektablen Gebäude, das eher an ein Hotel denken lässt, einquartiert ist.
Das Auricher Schloss.
1447 erbaut von der Familie Cirksena, ein zur damaligen Zeit mächtiges ostfriesisches Häuptlings- und Adelsgeschlecht.
Heute ist das Schloss Eigentum das Landes Niedersachsen und wird vom Niedersächsischen Landesamt für Bezüge und Versorgung genutzt. Im östliche Teil ist zusätzlich das Landgericht Aurich untergebracht.
Vor dem Auricher Schloss halten zwei Löwen aus Stein Wache. Der Künstler soll nie einen lebendigen Löwen gesehen haben.
Marstall.
1561 verlegte Graf Edzard II seine Residenz von Emden nach Aurich und ließ wenig später einen Pferdestall mit sechs Herrengemächern im Obergeschoss errichten. Von nachfolgenden fürstlichen Besitzern wurde es umgestaltet.
Heute ist es Teil des Gesamtensembles mit dem Schloss Aurich und gehört ebenfalls dem Land Niedersachen,
genutzt vom Landesamt für Bezüge und Versorgung.
Weiter schlendern wir am Stadtrand von Aurich entlang. Am Eingang zur Fußgängerzone mit dem Blick auf die evangelisch-lutherische Lambertkirche begrüßen uns …
… zwei Steinstatuen.
Rechts die römische Kriegsgöttin Bellona mit Helm, Schwert und Lanze. In ihrem Schild ist das gräfliche Wappen eingearbeitet.
Linker Hand die griechische Göttin Pallas Athene – erkennbar an den Attributen Eule und Kriegsgewand.
Sie gilt als Göttin der Weisheit, der Strategie und des Kampfes, der Kunst, des Handwerks und der Handarbeit. Im Schild von Pallas Athene erkennt man in barock-verschnörkelter Spiegelschrift das fürstliche Monogramm von Fürst Christian Eberhard, der die Arbeit in Auftrag gab. Wegen Verzögerungen wurden die beiden Statuen erst in seinem Todesjahr 1708 aufgestellt.

Die heutige geschichtsträchtige Erkundungstour rundet sich ab. Wir gehen zum Auricher Stadthotel zurück. Mich hat ganz besonders das Landesmuseum in Emden beeindruckt. Gute Gespräche beim Abendessen, toller Tag 🙂

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